Handelskammer Bozen
Wirtschaft = Zukunft

Brunhilde Schölzhorn

Ein Leben für die Arbeit

Mit ordentlich Tempo kommt sie um die Ecke. Ihr Lächeln freundlich, ihre Begrüßung herzlich, ihre Erzählungen mitreißend. Brunhilde Schölzhorn ist die Seniorchefin des Gasthofs Larchhof in Innerratschings. Seit drei Jahren sitzt die 64-Jährige im Rollstuhl. Plötzlich, so erzählt sie, habe sie ihre Beine nicht mehr gespürt. Ein Gespräch, wie sie trotz Schicksalsschlag wieder neue Lebenskraft geschöpft hat.

Frau Schölzhorn, was ist vor drei Jahren passiert?

Ich war mit meinem Mann auf unserer Alm, der Rinneralm. Einer Alm auf 1892 Metern Meereshöhe, die wir seit nunmehr 27 Jahren bewirtschaften. Es war früh am Morgen, ich kam gerade von der Stallarbeit, als ich meine Zehen nicht mehr spürte. Erst waren es nur die Zehen, dann die Waden, innerhalb einer Stunde beide Beine. Obwohl mein Mann sofort den Notarzt rief, dauerte es am Ende über drei Stunden bis die Bergrettung zu uns auf die Alm vordringen konnte. Leider war es dann auch schon zu spät.

Fällt es Ihnen schwer darüber zu sprechen?

Mittlerweile fällt es mir nicht mehr ganz so schwer. Ich habe aber eine wirklich harte Zeit hinter mir. Obwohl die Ärzte von Beginn an von einem Schlaganfall im Rückenmark ausgingen, konnte und wollte ich es nicht wahrhaben. Erst war ich für drei Monate in der Reha-Abteilung im Krankenhaus Brixen, ständig in der Hoffnung, dass bloß ein Nerv eingeklemmt ist. Später wurde ich für drei Monate nach Bad Häring überstellt und erst dort wurde mir bewusst, dass ich querschnittsgelähmt bin. Plötzlich war ich auf den Rollstuhl angewiesen, musste alles neu lernen. Vor allem aber hatte ich in dieser Zeit fürchterliches Heimweh. Meine Familie hat mir so unglaublich gefehlt.

Haben Sie mit Ihrem Schicksal gehadert?

Ich habe vor allem mit dem Herrgott gehadert. Immer und immer wieder habe ich ihn gefragt, wie er das zulassen konnte. Ich hatte doch noch so viel vor. Ich wollte Zeit mit meinen Kindern und meinen Enkelkindern verbringen, wollte mit ihnen Bergwanderungen unternehmen. Ich wollte all die Dinge nachholen, für die ich nie Zeit hatte. Es gab ja in meinem Leben nichts außer Arbeit.

Sie sind auf einem Bauernhof in Schnals groß geworden, wie sind Sie zur Gastronomie gekommen?

Nach der Hauswirtschaftsschule in Lana arbeitete ich in verschiedenen Hotels in Schenna. Arbeiten war ich gewohnt. Sechs Monate am Stück, ohne freien Tag, von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr. Das war damals in der Hotellerie völlig normal. Mit 21 Jahren habe dann meinen Mann geheiratet und bin zu ihm nach Innerratschings gezogen.

Und waren plötzlich Hotelierin…

Ja, das stimmt. Der Larchhof war damals eines der ersten Hotels in Ratschings. Mein Schwiegervater war ein Macher. Er war einer der Ideatoren und später auch der Präsident der Bergbahnen in Ratschings. Es war mit sein Verdienst, dass erste Aufstiegsanlagen gebaut wurden und zeitgleich auch erste Hotels und Pensionen. Bis in die 70er Jahre war der Tourismus in Ratschings ja kein Thema. Ja, und so kam es, dass sich mein Mann und mein Schwiegervater um den Hof gekümmert haben und ich mich um das Hotel und das Restaurant.

Sie waren nicht nur Hotelierin sondern zeitgleich auch Köchin, Bäuerin und vierfache Mutter. Sind Sie nie an Ihre Grenzen gestoßen?

Doch, auch wenn man es mir nach außen nicht angesehen hat. Wer mit Gästen arbeitet, darf keine Schwäche zeigen. Ich war immer freundlich, hinter meinem Lächeln war aber nichts, kein Lachen, keine Träne. Ich war innerlich wie gefroren, immerzu in Gedanken, wie ich das alles auf die Reihe bekomme. Irgendwann ging es sogar soweit, dass ich mir vormachte, 4,5 Stunden Schlaf müssten ausreichen. Oft habe ich noch um 23 Uhr einen Strudel gebacken oder die Hotelwäsche gebügelt, in der Hoffnung am nächsten Tag etwas mehr Luft zu haben. Das war natürlich ein Wunschdenken.

Weil immer neue Arbeit dazukam?

Wir hatten zu Beginn an die 25 Betten. Aber wir wurden schnell größer und haben unser Angebot ständig erweitert. Mein Schwiegervater und später mein Mann haben das Hotel und den dazugehörigen Hof Stück für Stück erweitert. Und damit auch immer neue Schulden aufgenommen.

Waren die Schulden eine Last für Sie?

Und wie. Ständige Investitionen gehen an die Substanz. Mein großer Wunsch war es, irgendwann mal schuldenfrei sein. Aber zu den alten Schulden kamen wieder und wieder neue dazu. Ich habe rund um die Uhr gearbeitet, später auch noch meine Schwiegereltern gepflegt und seit 1990 auf unserer Alm mittags gekocht. Jede Minute meines Tages war verplant.

Haben sich Ihre Kinder manchmal beschwert, dass Sie so wenig Zeit für sie hatten?

Im Gegenteil, sie sagen noch heute: Mama, was machst Du Dir für Gedanken, wir hatten eine so schöne Kindheit. Aber mich plagte das schlechte Gewissen. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als ihnen bei den Hausaufgaben helfen zu können. Einzig die Elternsprechtage habe ich mir nicht nehmen lassen. Aber auch das war nur möglich, da andere Eltern meine Situation kannten und mir bei den Lehrern den Vortritt ließen. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar.

Heute führt Ihr Sohn das Hotel, war es schwierig loszulassen?

Nein, ich kann mich so glücklich schätzen, dass mein Sohn Walter Freude am Kochen hat und ihm die Arbeit mit den Gästen gefällt. Mein Mann und ich haben ihm 2006 das Hotel übergeben und haben uns seither nur noch um die Alm gekümmert. Bis zu meiner Krankheit vor drei Jahren. Nicht mehr auf der Alm arbeiten zu können, das war sehr bitter. Aber ich habe mich zurückgekämpft. Mittlerweile habe ich sogar den Führerschein gemacht und fahre auch wieder Auto. Vor allem aber freue ich mich jetzt endlich Zeit für meine Enkelkinder zu haben. Zeit, die ich sonst wohl nicht gehabt hätte.

Zur Person

Brunhilde Schölzhorn, 64, ist als eines von neun Kindern auf dem Untergerstgrashof im Schnalstal aufgewachsen. Im Alter von 21 Jahren heiratete sie Josef Schölzhorn und zog nach Innerratschings. Ihr Schwiegervater funktionierte den Larchhof zu einem der ersten Hotels in Ratschings um, zu Beginn mit 25 Betten, heute mit 60 Betten. Zum Hotel gehört der angrenzende Bauernhof. Seit 1990 hat die Familie die Rinneralm in Pacht, die Brunhilde Schölzhorn bis zu ihrer Krankheit vor drei Jahren selbst bewirtschaftet hat.

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